Was-wir-forschen

SIMCharacters verbindet Training mit Forschung

SIMCharacters Training And Research (STAR) verbindet aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen in der neonatologischen, pädiatrischen und geburtshilflichen Notfallversorgung mit angewandter Forschung. Unser Ziel: Evidenz schaffen, wo bisher vor allem Erfahrungswerte vorliegen – mit direkter Relevanz für die klinische Praxis und die Sicherheit von Patient:innen und Mitarbeitenden.

Unsere Simulationstrainings unterstützen Teams dabei, kritisch kranke Kinder, Neugeborene und Schwangere in Notfallsituationen effizient zu versorgen. Die Erfahrung aus zahlreichen Trainings in Krankenhäusern unterschiedlicher Versorgungsstufen zeigt: Viele Teams stehen vor vergleichbaren Herausforderungen – bei seltenen, zeitkritischen Ereignissen, der interprofessionellen Abstimmung und der Umsetzung etablierter Leitlinien.

Durch begleitende Forschung evaluieren wir systematisch, welche Faktoren die klinische Praxis beeinflussen. So optimieren wir unsere Konzepte evidenzbasiert und ermöglichen einen reflektierten, praxisnahen Lernprozess.

PD Dr. Eva Schwindt, PhD
PD Dr. Eva Schwindt, PhD
TRAINING UND CULTURE CHANGE
Reinhold Stockenhuber, PhD
Reinhold Stockenhuber, PhD
Research, Statistics, Literature
Dr. Jens-Christian Schwindt
Dr. Jens-Christian Schwindt
SIMULATIONSTRAINING UND SYSTEMSICHERHEIT

Was forschen wir?

SIMCharacters Training And Research (STAR) beobachtet aktuelle Entwicklungen in der neonatologischen, pädiatrischen und geburtshilflichen Notfallversorgung und bearbeitet ausgewählte Fragestellungen im Rahmen anwendungsnaher Forschung. Dabei beziehen wir auch Erkenntnisse und Daten aus unseren Trainings ein, um praxisrelevante Themen systematisch zu untersuchen – insbesondere dort, wo bislang nur begrenzte wissenschaftliche Evidenz vorliegt. Im folgenden Abschnitt stellen wir drei ausgewählte Publikationen aus unserer wissenschaftlichen Arbeit vor, die wir für besonders praxisrelevant halten.

Identifying and Mitigating Latent Safety Threats in Neonatal Resuscitation Rooms Across Nine Hospitals Through In Situ Simulation Training.

Latente Sicherheitsrisiken, sogenannte Latent Safety Threats (LSTs), sind in der Neonatologie keine Seltenheit. Dabei handelt es sich meist um vermeidbare, im klinischen Alltag jedoch schwer erkennbare systemische Gefahren, etwa in Bezug auf Ausstattung, Abläufe, Umgebung oder Teamprozesse.

In einer kürzlich von uns publizierten Studie untersuchten wir, wie interdisziplinäre In-situ-Simulationstrainings und begleitende Sicherheitsberichte solche Risiken sichtbar machen und reduzieren können. Grundlage der Analyse waren standardisierte Sicherheitsberichte, die im Anschluss an dreitägige High-Fidelity-Trainings erstellt wurden. Sie erfassen nicht nur die Teamperformance, sondern auch relevante Rahmenbedingungen wie Equipment, räumliche Gegebenheiten, Ergonomie, Prozesse und Ressourcen.

Eingeschlossen wurden neun österreichische neonatologische Abteilungen mit jeweils zwei Simulationstrainings im Abstand von 21 bis 65 Monaten. In allen Häusern zeigte sich eine deutliche Reduktion identifizierter LSTs um 37 % bis 79 %.

Die Ergebnisse unterstreichen den besonderen Wert strukturierter Sicherheitsberichte: Sie machen Fehlerquellen sichtbar, bevor sie zu kritischen Ereignissen führen, ermöglichen gezieltes prospektives Risikomanagement und verbinden Simulation, Fehleranalyse und nachhaltige Systemverbesserung. So entsteht ein direkter Nutzen für Patient:innen, Mitarbeitende und Abläufe im klinischen Alltag.

Ventilation practices and preparedness of healthcare providers in term newborn resuscitation: A comprehensive survey study in Austrian hospitals.

Reanimationen bei reifen Neugeborenen sind selten, können jedoch auch bei zunächst unauffälligen Geburten unerwartet notwendig werden. In einer österreichweiten Umfrage untersuchten wir daher die Vorbereitung, Praxiserfahrung und Selbsteinschätzung von medizinischem Personal, das für die postnatale Versorgung von Neugeborenen verantwortlich ist. Rückmeldungen kamen aus 80 % der österreichischen Krankenhäuser mit Geburtsstation.

Die Ergebnisse zeigen relevante Sicherheitslücken: Rund 50 % der Befragten fühlten sich auf neonatale Notfälle nicht ausreichend vorbereitet, 35 % schätzten ihre Fähigkeiten in der Maskenbeatmung als unzureichend ein. Besonders betroffen waren Häuser mit niedrigerer Versorgungsstufe und geringerer Geburtenzahl.

Laut den erhobenen Daten kann in 61 % der teilnehmenden Krankenhäuser beziehungsweise bei 53 % der Geburten in Österreich keine sichere endotracheale Intubation gewährleistet werden. Gleichzeitig zeigte sich, dass Larynxmasken in der österreichischen Neugeborenenversorgung nur einen geringen Bekanntheitsgrad aufweisen.

Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit regelmäßiger, strukturierter Trainings. Diese sollten neben Teamabläufen insbesondere Basisfertigkeiten wie Maskenbeatmung, den Einsatz supraglottischer Atemwegshilfen und klare Eskalationsstrategien in neonatalen Notfällen stärken.

Neonatal simulation training decreases the incidence of chest compressions in term newborns

In dieser Studie untersuchten wir, ob ein interdisziplinäres Simulationstraining zur neonatalen Reanimation messbare Auswirkungen auf die Versorgung unmittelbar nach der Geburt haben kann.
 
Verglichen wurden die Jahre vor und nach Einführung eines regelmäßigen Trainingsprogramms in einer neonatologischen Abteilung mit rund 1700 Geburten pro Jahr. Insgesamt wurden knapp 14.000 Neugeborene analysiert.
 
Nach Einführung des Trainings zeigte sich ein klarer Unterschied bei besonders kritischen Situationen: Das Risiko für Thoraxkompressionen unmittelbar nach der Geburt sank deutlich von 0,91 % auf 0,20 %. Gleichzeitig veränderte sich die Beatmungsstrategie hin zu mehr längerer nichtinvasiver Beatmung – ganz nach unserem Trainingsmotto: „Luft muss in die Lunge“, das mit Sicherheit vielen Teilnehmer:innen unserer Trainings noch im Ohr ist.
 
Damit legt die Studie nahe, dass regelmäßiges interdisziplinäres Simulationstraining dazu beitragen kann, kritische Situationen früher zu erkennen, konsequenter zu beatmen und Neugeborene rechtzeitig zu stabilisieren, bevor invasivere Reanimationsmaßnahmen notwendig werden.

Warum ist Training wichtig?

Healthcare Safety verbindet Patient:innen- und Mitarbeitendensicherheit. Sie fragt danach, wie medizinische Versorgung so gestaltet werden kann, dass vermeidbare Schäden, Fehler, Überlastung und Personalfluktuation reduziert werden.

Die folgenden Publikationen zeigen unterschiedliche Perspektiven auf dieses Themenfeld: Sie beschreiben zentrale Inhalte der neonatalen Erstversorgung, etwa effektive Beatmung und aktuelle Reanimationsleitlinien, und machen zugleich deutlich, warum Simulationstrainings, gute Teamkommunikation und klare klinische Abläufe notwendig sind.

Ergänzend liefert das Konzept der Translational Simulation einen wichtigen Rahmen: Simulation wird dabei nicht nur als Trainingsmethode verstanden, sondern als Werkzeug, um Risiken zu erkennen, Versorgungssysteme zu verbessern und Healthcare Safety gezielt zu beeinflussen.

Gemeinsam bilden diese Arbeiten eine Grundlage für unseren Blick auf Training, Teamarbeit und Sicherheit im klinischen Alltag.

Wenn die Maskenbeatmung beim Neugeborenen schwierig ist

Schwindt JC, Schäfer S, Grass B, Deindl P, Schwindt EM, Wald M, et al. Monatsschr Kinderh 2022.

Meist reicht bereits eine kurze nichtinvasive Beatmung aus, um bei einem nicht oder nicht ausreichend atmenden Neugeborenen eine stabile Eigenatmung zu erreichen.

Da die Maskenbeatmung in der Praxis dennoch immer wieder Schwierigkeiten bereiten kann, stellt der Beitrag Strategien zur Optimierung der nichtinvasiven Beatmung vor. Mit dem Akronym RALPH bietet der Artikel eine strukturierte Hilfestellung, um Probleme bei der Maskenbeatmung systematisch zu erkennen und gezielt zu beheben.

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

Versorgung und Reanimation des reifen Neugeborenen nach der Geburt

Schwindt J, Grass B, Schäfer S, Hoffmann F, Deindl P, Schwindt EM, et al. Monatsschr Kinderh 2026. 

Diese Studie beschreibt die Reanimation reifer Neugeborener nach den aktuellen ERC Guidelines. Im Fokus steht die wirksamste Maßnahme in der neonatalen Erstversorgung: eine frühzeitige und effektive nichtinvasive Beatmung.

Gerade weil vollständige Reanimationen mit Thoraxkompressionen, Medikamentengabe oder Intubation sehr selten sind, braucht es in solchen Situationen klare Abläufe und ein sicher handelndes Team. Der Artikel stellt den aktuellen NLS-Algorithmus vor, hebt Änderungen gegenüber den Empfehlungen von 2021 hervor und bietet damit eine praxisnahe Orientierung – sowohl für die Erstversorgung im klinischen Alltag als auch für die Vermittlung in Trainings.

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

Healthy life-years lost and excess bed-days due to six patient safety incidents

Hauck KD, Wang S, Vincent C, Smith P. Med Care 2017.

Cross-sectional Analyse von Patientenakten aus 273 Krankenhäusern in England von 2005 bis 2010; 5,9 Mio. stationäre Patienten). Suche nach 6 unterschiedlichen Safety Indikatoren.

Pro 100.000 Einwohner entstehen 934 zusätzliche Betten-Tage im Krankenhaus durch vermeidbare Patientenschäden.

Das entspricht Kosten von 1,3 Mio. Dollar jährlich oder 3000 Jahresgehältern von Pflegepersonen – wohlgemerkt: pro 100.000 Einwohner!

Safety Indikatoren: Druckulzera, nosokomiale Infektionen, Infektionen bei Zentralen Zugängen, Hüft-Fraktur, Sepsis, Tiefe Beinvenenthrombose oder Pulmonalembolie, Mortalität in Einrichtungen mit niedriger Mortalitätserwartung.

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

 
 

The Economics of Patient Safety Part IV: Safety in the Workplace: Occupational safety as the bedrock of resilient health systems

Bienassis K de, Slawomirski L, Klazinga NS. OECD Health Working Papers 2021. 

Hier werden wichtige Kennzahlen und Daten aufbereitet, die den monetären Effekt von vermeidbaren Sicherheitsrisiken aufgreifen, darunter:

    • 10% aller Patient:innen erlebt ein „adverse event“, die Hälfte davon wäre vermeidbar.
    • 100% aller US-Amerikaner erleben einen diagnostischen Fehler
    • 15% aller Gesundheitsausgaben der OECD-Länder für die Behandlung von medizinischen Fehlern
    • 0,5 – 2% aller Gesundheitsausgaben für Arbeitsunfälle
    • Die Arbeitszeit könnte um 20% reduziert werden, wenn Redundanzen vermieden werden.

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

 
 

Translational simulation revisited: an evolving conceptual model for the contribution of simulation to healthcare quality and safety

Brazil V, Reedy G. Adv Simul 2024.

Der Artikel beschreibt das Konzept der Translational Simulation und ordnet ein, wie Simulation gezielt zur Verbesserung von Versorgungsqualität und Healthcare Safety beitragen kann. Simulation wird dabei – wie auch bei SIMCharacters – nicht nur als Trainingsformat verstanden, sondern auch als Methode, um klinische Prozesse zu analysieren, Risiken sichtbar zu machen und konkrete Verbesserungen im Versorgungssystem anzustoßen.

Der Beitrag zeigt, dass erfolgreiche Translational Simulation drei zentrale Elemente braucht: ein klar definiertes Ziel, einen nachvollziehbaren Simulationsprozess und eine fundierte konzeptionelle Grundlage. Damit bietet der Artikel einen wichtigen Rahmen für den Einsatz von Simulation als Verbindung zwischen Training, Systemverbesserung und besserer Healthcare Safety.

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

Associations of physician burnout with career engagement and quality of patient care: systematic review and meta-analysis

Hodkinson A, Zhou, A, Johnson J, Geraghty K, Riley R, Zhou A, et al. BMJ 2022.

In dieser Metaanalyse wurden 170 Studien ausgewertet. Burnout und emotionale Überbelastung haben stark negative Konsequenzen:

    • berufliche Unzufriedenheit
    • Rückgang des persönlichen Wohlbefindens
    • Produktivitätsrückgang am Arbeitsplatz
    • Arbeitsplatzwechsel
    • schlechtere Versorgung von Patienten
    • mehr medizinische Fehler (adverse events)

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

Was können Trainings bewirken?

Latente, vermeidbare Sicherheitsrisiken können in allen Bereichen der Neugeborenenversorgung auftreten. Sie gefährden die Patientensicherheit, und können sich als „adverse events“ negativ auf Patient:innen, aber auch auf die Mitarbeiter:innen auswirken. Erhöhte mentale und monetäre Belastungen in der Abteilung sind die Folge. Derartige Situationen stellen das gesamte Team vor unnötige Herausforderungen. In unseren Trainings legen wir Augenmerk darauf,  gemeinsam positive Veränderungen herbeizuführen, und auch die Geschäftsleitung davon zu überzeugen, etwaige dringende Veränderungen im Sinne der Patienten- und Mitarbeitersicherheit zu unterstützen.

Im folgenden Abschnitt stellen wir Fachliteratur vor, die auf die Effekte von Trainings eingehen.

A Neonatal Intensive Care Unit’s Experience with Implementing an In-Situ Simulation and Debriefing Patient Safety Program in the Setting of a Quality Improvement Collaborative. Eckels M, Zeilinger T, Lee HC, Bergin J, Halamek LP, Yamada N, et al. Children 2020;7:202.

15-Monate QI Projekt mit Ziel 2 Simulationen pro Monat (1 Training pro Monat wurde im Endeffekt durchgeführt).

 4 Latent Safety Threats wurden identifiziert:

    • Schwierigkeiten/Fehler beim Adrenalin vorbereiten
    • Ineffektive Anordnung des Notfallmaterials
    • Unsicherheiten beim Algorithmus Neugeborenenreanimation
    • Fehlender Standard/Unsicherheiten bei der Versorgung von Kindern mit Gastroschisis

Das Aufdecken der „Latent Safety Threats“ ermöglichte eine konstruktive Lösungsfindung. Gemeinsam im Team wurden zB. kognitive Merkhilfen für das korrekte Aufziehen von Adrenalin im Notfall entworfen oder es wurde das Notfallmaterial geordnet und optimal für ein effektives Arbeiten im Notfall im Notfallwagen angeordnet.

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

The effectiveness of improving healthcare teams’ human factor skills using simulation-based training: a systematic review. Abildgren L, Lebahn-Hadidi M, Mogensen CB, Toft P, Nielsen AB, Frandsen TF, et al. Adv Simul 2022;7:12.

In diesem systematischen Review wurden insgesamt 72 Studien analysiert.Es wurde der Einfluss von Training auf ‚human factors skills‘  untersucht.

Human Factors Skills sind nicht-technische Fähigkeiten, wie Kommunikation, Teamwork, Leadership, etc.

In 92% aller Studien zeigte sich eine Verbesserung der human factors skills. In 42% war diese Verbesserung signifikant.

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

In situ simulation and its effects on patient outcomes: a systematic review. Goldshtein D, Krensky C, Doshi S, Perelman VS. Bmj Simul Technology Enhanc Learn 2020;6:3.

In diesem systematischen Review wurden insgesamt 9 Studien analysiert (8 prospektiv, 1 prospektiv-retrospektiv). Analysiert wurden nur Studien mit in situ Training (Studien mit Training in einem Simulationszentrum wurden ausgeschlossen).

Es zeigte sich ein signifikanter Einfluss von in situ Training auf das Patientenoutcome in den Bereichen:

    • ROSC (return of spontanous circulation)
    • Mortalität
    • KH-Aufenthaltsdauer
    • Sepsis
    • Respiratory Failure
    • notwendiger Transfer auf ICU

Weiter zur Publikation (frei zugänglich)

Evaluation of an In-Situ Neonatal Resuscitation Simulation Program Using the New World Kirkpatrick Model. Bhatia M, Stewart AE, Wallace A, Kumar A, Malhotra A. Clin Simul Nurs 2021;50:27–37.

In dieser Studie wurde gemessen, wie sich Simulationstraining  auf allen vier Ebenen des Kirkpatrick-Modells auswirkt. Zu diesem Modell gehören Feedback zur Weiterbildung, Wissenstransfer, der Einfluss auf das Verhalten der Mitarbeiter und die Effekte auf Patienten. Die Simulationstrainings bewirkten eine Reduktion von

    • notwendigen Beatmungen (p<.001)
    • Herzdruckmassagen (p=.006)
    • Intubationen (p<.001)
    • Adrenalineinsatz (p=.001) und
    • Todesfällen (p=.04)

während der Wiederbelebung bei der Geburt.

Weiter zur Publikation